Sicherheitsüberprüfung Bundeswehr 2026: Was wird geprüft?

Der Rekrut, dem eine Instagram-Story den Start versaute

In meiner Zeit als Ausbilder in Feldkirchen hatte ich es öfter erlebt als mir lieb war: Ein junger Typ kommt zur Grundausbildung, motiviert, topfit, hat den CAT-Test problemlos bestanden. Aber sein Dienstantrittsdatum verschiebt sich wieder und wieder. Häufig läuft es in der Praxis so: Du wirst zwar formell eingestellt, kannst aber die Grundausbildung nicht mitmachen. Das fällt meistens nach zwei, drei Wochen auf — dann landest du in deiner Stammeinheit und sitzt dort die Zeit ab, bis die SÜ durch ist. Genervt sein bringt dir an dem Punkt nichts. Mach eine Chance draus: Geh auf deine zukünftigen Kameraden zu, sofern erlaubt, sauge jedes Wissen auf, halte dich fit, mach Sport, lerne Strukturen kennen. Jede Stunde, die du dort vorbereitet bist, zahlt sich später aus.

Irgendwann, nach gut sechs Monaten, sagt ihm das Karrierecenter: „Deine Sicherheitsüberprüfung kann momentan nicht abgeschlossen werden."

Was war passiert? Keine Vorstrafe. Keine Schulden. Aber er hatte auf einem damals öffentlichen Instagram-Profil einen Post von einer rechten Rockband geteilt — irgendwas aus Schülertagen. Dazu noch ein Bild, auf dem er mit jemandem zu sehen war, der dem Verfassungsschutz bekannt war. Er selbst hatte keinen Extremismus-Bezug, aber das Bild reichte, um das Verfahren monatelang in die Länge zu ziehen.

Ende gut? In seinem Fall ja — nach einem persönlichen Klärungsgespräch wurde die Überprüfung abgeschlossen und er konnte einrücken. Aber die Nerven hatte es ihn gekostet. Hätte er gewusst, was der MAD macht und worauf er achtet, hätte er den Post vorher gelöscht.

Genau dafür ist dieser Artikel da. Ich erkläre dir, was bei der Sicherheitsüberprüfung tatsächlich passiert, welche Stufe für wen gilt, was sie rauswirft — und was du tun kannst, damit du nicht monatelang wartest.

1. Was ist die Sicherheitsüberprüfung — und warum muss jeder Soldat durch sie?

Die Sicherheitsüberprüfung — kurz SÜ — ist eine gesetzliche Pflicht für jeden, der eine sicherheitsempfindliche Tätigkeit beim Bund ausübt. Bei der Bundeswehr gilt das fast immer: du kommst mit Waffen, verschlüsselter Kommunikation, militärischen Lageplänen oder sensiblen Informationen in Berührung.

Das Ziel: Der Staat will sicherstellen, dass du vertrauenswürdig bist, keinen extremistischen Hintergrund hast, nicht erpressbar bist und loyal zur Verfassung stehst.

Was viele nicht wissen: Die Sicherheitsüberprüfung wird durch die zuständige Stelle bzw. den Sicherheitsbeauftragten veranlasst. Der MAD (Militärischer Abschirmdienst, Behörde: BAMAD) wirkt als mitwirkende Behörde an der Überprüfung mit und gibt am Ende ein Sicherheitsvotum ab. Die endgültige Entscheidung liegt beim Dienstherrn — also beim Bundesministerium der Verteidigung beziehungsweise der zuständigen Dienststelle.

Wenn du wissen willst, welche weiteren Voraussetzungen für eine Bewerbung relevant sind, schau dir unseren Artikel Bundeswehr Voraussetzungen 2026 an.

2. Rechtsgrundlage: SÜG und § 8 Soldatengesetz

Die rechtliche Grundlage ist das Sicherheitsüberprüfungsgesetz (SÜG). Es regelt, unter welchen Bedingungen eine Sicherheitsüberprüfung durchgeführt wird, welche Maßnahmen erlaubt sind und was ein Sicherheitsrisiko ausmacht.

Die wichtigsten Paragraphen für Bewerber:

Dazu kommt § 8 Soldatengesetz (SG): Soldatinnen und Soldaten müssen die freiheitliche demokratische Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes anerkennen und durch ihr gesamtes Verhalten für ihre Erhaltung eintreten. Das ist keine Kann-Vorschrift — das ist eine Grundpflicht. Wer sie verletzt, verliert seinen Dienstposten, in schweren Fällen seinen Soldatenstatus.

Tobi-Tipp: Das SÜG findest du kostenlos auf gesetze-im-internet.de. Lohnt sich, §§ 5, 8 und 9 einmal kurz zu lesen.

3. Die drei Stufen: Ü1, Ü2, Ü3 — was steckt dahinter?

Die Sicherheitsüberprüfung gibt es in drei Stufen, die sich nach dem Geheimhaltungsgrad des Dienstpostens richten. Je höher die Geheimstufe, desto tiefer die Überprüfung.

Stufe Gesetzliche Grundlage Geheimhaltungsgrad NATO-Äquivalent Partner einbezogen Referenzpersonen Dauer (realistisch)
Ü1 § 8 SÜG VS-VERTRAULICH NATO CONFIDENTIAL Nein Keine 4–8 Wochen, oft 3–6 Monate
Ü2 § 9 SÜG GEHEIM NATO SECRET Ja (Zustimmung Pflicht) Keine 3–6 Monate
Ü3 § 10 SÜG STRENG GEHEIM COSMIC TOP SECRET Ja 3 Referenzpersonen 6–9+ Monate

Ü1 — Einfache Sicherheitsüberprüfung

Die Ü1 ist die Standard-Stufe für den Großteil aller Bundeswehrsoldaten. Wer mit VS-VERTRAULICH klassifizierten Informationen in Berührung kommen kann — oder wer eine Waffenausbildung erhält — durchläuft mindestens eine Ü1.

Was geprüft wird: Identität, Wohnsitze, Angaben der Sicherheitserklärung sowie Abfragen beim Verfassungsschutz und beim Bundeszentralregister. Kein Einbezug des Partners. Keine Befragung von Referenzpersonen.

Ü2 — Erweiterte Sicherheitsüberprüfung

Ü2 gilt für Dienstposten mit Zugang zu GEHEIM oder einer hohen Menge VS-VERTRAULICH eingestufter Dokumente sowie für vorbeugenden Sabotageschutz und bestimmte IT-Sicherheitsverwendungen.

Zusätzlich zu den Ü1-Maßnahmen: persönliche Identitätsprüfung, Polizeiabfragen für alle Wohnsitze der letzten fünf Jahre, systematische Auswertung öffentlich einsehbarer Social-Media-Profile. Dein Ehegatte, Lebenspartner oder Lebensgefährte wird einbezogen und muss ausdrücklich zustimmen. Ohne Zustimmung ist die Ü2 nicht durchführbar.

Ü3 — Erweiterte Sicherheitsüberprüfung mit Sicherheitsermittlungen

Ü3 gilt für Zugang zu STRENG GEHEIM, Führungsverwendungen oder Personal der Nachrichtendienste. Zusätzlich zu allem bisherigen kommen aktive Ermittlungen im näheren Lebensumfeld. Du musst drei Referenzpersonen benennen — Kameraden oder Bekannte (keine Familienangehörigen, keine Lebensgefährten, keine reinen Online-Bekanntschaften). Diese werden vom MAD aktiv befragt.

4. Welche Stufe gilt für welchen Dienstposten?

Ü1 gilt typischerweise für:

Ü2 gilt typischerweise für:

Ü3 gilt typischerweise für:

Wenn du noch nicht weißt, welche Stufe auf deinen Wunschdienstposten zutrifft: Frag beim Karrierecenter nach. Mehr zur Bewerbung insgesamt findest du in unserem Artikel Bundeswehr Bewerbung 2026.

5. Neu 2026: Unterstützte Verfassungstreueprüfung (Bundeswehr-Schutz-Gesetz)

Das ist die wichtigste Änderung für 2026.

Der Bundestag beschloss den Gesetzentwurf am 4. Dezember 2025. Das Bundeswehr-Schutz-Gesetz (BwSchutzG) wurde am 9. Januar 2026 ausgefertigt, am 15. Januar 2026 im Bundesgesetzblatt verkündet und trat am 16. Januar 2026 in Kraft.

Die zentrale Neuerung: Für bestimmte Einstellungs- und Wiedereinstellungsfälle wird die bisherige Soldateneinstellungsüberprüfung durch die unterstützte Verfassungstreueprüfung ersetzt. Unabhängig davon bleiben Sicherheitsüberprüfungen nach dem SÜG — Ü1, Ü2, Ü3 — für sicherheitsempfindliche Tätigkeiten weiter bestehen.

Was ist die unterstützte Verfassungstreueprüfung?

Die unterstützte Verfassungstreueprüfung ist kein abgeschwächtes Verfahren — sie ist ein schnelleres. Das Verfahren stützt sich auf:

  1. Bundeszentralregister-Auszug (Vorstrafen)
  2. NADIS-Abfrage (Nachrichtendienstliches Informationssystem — interne Datenbank der Verfassungsschutzbehörden)
  3. Auswertung öffentlich zugänglicher Quellen — explizit einschließlich Social Media

Die klassische Ü1 mit ihrer vollen Sicherheitserklärung bleibt erhalten — aber nur noch für spezifische Dienstposten, die es tatsächlich erfordern.

Das bisherige System war zu langsam: Bewerber warteten teils über sechs Monate auf den Abschluss ihrer Ü1. Der BAMAD war überlastet. Die neue Prüfung soll deutlich schneller sein — Ziel sind wenige Wochen.

Wenn du dich als FWD, SaZ oder Feldwebelanwärter bewirbst: Rechne damit, dass du zunächst die unterstützte Verfassungstreueprüfung durchläufst. Social Media wird dabei explizit geprüft.

Wichtig: Der offizielle Begriff lautet „unterstützte Verfassungstreueprüfung". Das Kürzel „SÜ 0" ist ein inoffizieller Medienterm, kein Rechtsbegriff.

6. MAD und BfV — wer prüft eigentlich was?

Viele denken, der Verfassungsschutz (BfV) macht die Sicherheitsüberprüfung bei der Bundeswehr. Falsch.

BAMAD (Bundesamt für den Militärischen Abschirmdienst):

BfV (Bundesamt für Verfassungsschutz):

Wenn du einen Brief zur Sicherheitsüberprüfung bekommst, kommt der vom BAMAD oder Karrierecenter. Wenn der MAD dich zu einem persönlichen Gespräch lädt — keine Panik, das ist bei Ü2 und Ü3 normal.

7. Die Sicherheitserklärung: Was musst du alles angeben?

Die Sicherheitserklärung ist ein mehrseitiger Fragebogen, in dem du angibst:

Das ELSE-Tool

Das Ausfüllen läuft digital über ELSE (Elektronische Sicherheitserklärung) — ein kostenloses Download-Programm des BAMAD. Du füllst die Erklärung auf deinem PC aus, speicherst sie als .elseerkl-Datei und sendest sie verschlüsselt an den Sicherheitsbeauftragten deiner Dienststelle. Alternativ kannst du ausdrucken und unterschrieben abgeben.

Auf Anforderung durch den MAD gibt es zusätzlich ein Formular „Finanzielle Verhältnisse" — eine Excel-Datei, in der du Einnahmen, Ausgaben, Schulden und Verbindlichkeiten detailliert auflistest.

Wahrheitspflicht

Unwahre Angaben in der Sicherheitserklärung sind ein eigenständiger Ablehnungsgrund — unabhängig davon, was du verschwiegen hast. Selbst wenn der eigentliche Sachverhalt kein Problem wäre, kann die Lüge dich trotzdem rauswerfen.

Tobi-Tipp: Lücken im Lebenslauf sind das häufigste technische Problem bei der ELSE-Eingabe. Das Tool prüft aktiv auf Zeitlücken bei Wohnsitzen. Geh deine alten Meldebescheinigungen vorher durch. Dein Karrierecenter kann dir dabei helfen: Karriereberatung Bundeswehr.

8. Was wird tatsächlich geprüft?

Schufa und finanzielle Verhältnisse

Die Schufa wird nicht direkt abgefragt — aber deine Angaben zu finanziellen Verhältnissen in der Sicherheitserklärung schon. Wenn der MAD Unstimmigkeiten findet oder Polizeiabfragen (bei Ü2) Hinweise auf Pfändungen oder Insolvenzverfahren ergeben, wird nachgefasst. Überschuldung ist kein automatischer Ausschluss.

Vorstrafen und Strafverfahren

Das Bundeszentralregister wird bei jeder SÜ-Stufe abgefragt. Auch bereits getilgte Einträge können relevant sein, wenn sie innerhalb des Betrachtungszeitraums (fünf Jahre rückblickend) liegen. Laufende Ermittlungsverfahren müssen angegeben werden, auch wenn noch kein Urteil vorliegt.

Social Media

Öffentlich zugängliche Internetquellen können je nach Überprüfungsart und Erforderlichkeit ausgewertet werden. Bei Ü2 und Ü3 umfasst dies auch öffentlich sichtbare Teile sozialer Netzwerke; im Geschäftsbereich des BMVg kann dies auch bei Ü1 relevant sein. Mit der neuen unterstützten Verfassungstreueprüfung wird Social Media bei Neueinstellungen explizit einbezogen. Der MAD nutzt Open-Source-Intelligence (OSINT) — alles, was du öffentlich gepostet hast, kann einbezogen werden.

Auslandskontakte und Reisen

Reisen in Länder, die das BMI als „Staaten mit besonderen Sicherheitsrisiken" eingestuft hat, müssen angegeben werden. Verwandtschaft in diesen Ländern ist kein automatischer Ausschluss, wird aber bewertet. Bei Ü3 wird das Lebensumfeld aktiv durch Ermittlungen gecheckt.

Verfassungsfeindliche Kontakte und Mitgliedschaften

Kontakte zu Personen, die dem Verfassungsschutz als gesichert extremistisch bekannt sind, sind problematisch. Das gilt auch für Mitgliedschaften in entsprechenden Organisationen — egal ob rechts, links oder islamistisch. Die Bewertung ist immer eine Einzelfallentscheidung.

9. Wer wird noch überprüft? Ehepartner, Referenzpersonen & Co.

Bei Ü1 und der neuen Verfassungstreueprüfung

Nur du als Bewerber. Partner, Eltern, Kameraden — niemand sonst wird einbezogen.

Bei Ü2

Dein Ehegatte, Lebenspartner oder Lebensgefährte wird in die Überprüfung einbezogen und muss ausdrücklich zustimmen. Verweigert er oder sie die Zustimmung, ist die Ü2 nicht durchführbar — und du kannst den Dienstposten nicht übernehmen.

Das ist kein hypothetisches Problem. Ich hatte in Feldkirchen Ausbilder, die für eine neue Verwendung vorgesehen waren — und dann wollte die Partnerin die Zustimmung nicht geben. Solche Gespräche muss man führen, bevor man den Dienstposten unterschreibt.

Bei Ü3

Wie Ü2 — plus du musst drei Referenzpersonen benennen. Anforderungen:

Diese Referenzpersonen werden aktiv befragt — per Fragebogen oder persönlich. Bei Ü3 können darüber hinaus weitere geeignete Auskunftspersonen aus deinem Umfeld befragt werden; die zentrale Vorschrift dazu ist § 12 Abs. 3 SÜG.

10. Wie lange dauert die Sicherheitsüberprüfung?

Stufe Gesetzlich vorgesehene Dauer Realistischer Erfahrungswert
Verfassungstreueprüfung (neu 2026) Wenige Wochen 2–6 Wochen (Ziel des neuen Gesetzes)
Ü1 4–8 Wochen 3–6 Monate (bei BAMAD-Überlastung)
Ü2 k.A. 3–6 Monate
Ü3 k.A. 6–9 Monate, mit Auslandsaufenthalten deutlich länger

Der BAMAD ist chronisch überlastet — das war einer der Hauptgründe für die Reform. Bewerber, die auf eine Ü1 warten, konnten bisher sechs Monate oder länger im Schwebezustand stecken.

Was das für dich bedeutet: Wenn du im Frühjahr 2026 anfängst, dich zu bewerben, und dein Wunscheinrückungsdatum im Herbst liegt — starte früh. Die SÜ beginnt nicht am Tag deiner Bewerbung, sondern erst nach dem Auswahlgespräch/Assessment Center. Plane diese Zeit ein.

Zur Zeitplanung im gesamten Bewerbungsprozess empfehle ich unseren Artikel Musterung Bundeswehr.

11. Häufige Stolperfallen

Offene Schulden

Schulden bedeuten nicht automatisch Aus. Das Bundesverwaltungsgericht hat in ständiger Rechtsprechung (u.a. 1 WB 61.06 aus 2007) klargestellt: Es kommt auf die Gesamtbewertung an.

Was problematisch wird:

Was weniger problematisch ist: Alte Studienkredite mit laufender Rückzahlung, KFZ-Kredit, überschaubare Verbindlichkeiten, die aktiv bedient werden.

Wenn du Schulden hast, trag sie vollständig ein. Verschweigen macht es schlimmer.

Cannabis

Früherer Konsum allein ist kein Ausschlussgrund. Entscheidend ist, ob ein Missbrauch vorliegt oder ob du aktuell abhängig bist. Wer regelmäßigen Konsum in der Sicherheitserklärung verschweigt und es kommt raus, hat ein Problem — nicht wegen des Cannabis, sondern wegen der Lüge.

Alte Social-Media-Posts

Die neue Verfassungstreueprüfung prüft Social Media explizit. Mein Tipp: Geh deine öffentlichen Profile durch, bevor du dich bewirbst. Alte Posts, die du selbst heute als dumm betrachtest — lösch sie. Öffentliche Profile werden gecheckt.

Extremismus-Kontakte — auch indirekte

Es reicht nicht, selbst keine extremistischen Ansichten zu haben. Wenn du mit Personen in Kontakt stehst, die dem Verfassungsschutz bekannt sind, oder dein Profil mit solchen Inhalten verknüpft ist, wird das bewertet. Das gilt auch für:

Auslandskontakte und Verwandtschaft

Verwandtschaft in bestimmten Ländern (§ 13 Abs. 1 Nr. 17 SÜG) muss angegeben werden. Das ist kein Ausschluss — aber es wird bewertet. Wer es verschweigt und es kommt raus, hat ein echtes Problem.

Tobi-Tipp: Erstell dir vor dem Ausfüllen eine persönliche Checkliste: alle Wohnsitze der letzten 10 Jahre, alle Auslandsaufenthalte über 30 Tage, alle relevanten Mitgliedschaften, alle Schulden. Dann füll das ELSE-Tool aus — und nicht umgekehrt.

12. Was passiert, wenn die SÜ nicht abgeschlossen werden kann?

„Nicht abgeschlossen werden kann" vs. „Sicherheitsrisiko festgestellt"

„Nicht abgeschlossen werden kann" bedeutet oft: Es fehlen noch Unterlagen oder eine Rückfrage ist offen. Das ist kein Urteil — es verzögert sich nur.

„Sicherheitserhebliche Erkenntnisse festgestellt" bedeutet: Der MAD hat etwas gefunden, das als Sicherheitsrisiko gewertet wird.

Was dann passiert

Das Ergebnis des BAMAD-Sicherheitsvotums kann sein:

Die zuständige Stelle trifft eine Gesamtwürdigung des Einzelfalls. Können sicherheitserhebliche Zweifel nicht ausgeräumt werden, hat nach § 14 Abs. 3 SÜG das Sicherheitsinteresse Vorrang — Grundsatz „Im Zweifel für die Sicherheit“.

Rechtsmittel

Ein Sicherheitsrisiko-Bescheid ist kein unwiderrufliches Urteil. Du kannst:

  1. Widerspruch einlegen (beim BAMAD oder der zuständigen Stelle)
  2. Klage vor dem Verwaltungsgericht erheben (VwGO)

§ 12 SÜG regelt unter anderem den regelmäßigen Überprüfungszeitraum. Eine pauschale gesetzliche Aussage, dass ein Wiederantrag nach Ablehnung erst nach fünf Jahren möglich oder sinnvoll ist, ergibt sich daraus so nicht — entscheidend sind Einzelfall und geänderte Sachlage.

Ein Fall aus der Praxis

Vor kurzem rief mich ein Vater an. Seinem Sohn wurde vorgeworfen, Mitglied in einer rechtsradikalen WhatsApp-Gruppe gewesen zu sein — dazu noch ein paar andere belastende Indizien. Der Junge war bereits eingestellt und im Dienst. Als die Sache rauskam, ging es schnell: sofortige Suspendierung, Diensthandy wurde eingezogen, am 30. April folgte die Entlassung. Jetzt versucht die Familie mit einem Anwalt dagegen vorzugehen.

Klartext: Die Bundeswehr nimmt das tödlich ernst — und das ist auch richtig so. Lieber ein konsequenter Schritt, als jemanden in der Truppe zu haben, der dort nichts verloren hat. Wer in solchen Chats hängt, wer rechtsradikale Inhalte teilt oder liked, wer in einschlägigen Telegram-Kanälen unterwegs ist — der muss damit rechnen, dass es früher oder später auffliegt. Auch nach Jahren noch. Der MAD hat einen langen Atem, und Daten verschwinden im Netz nicht einfach.

Wenn du irgendetwas in deiner digitalen Vergangenheit hast, das problematisch sein könnte: Lieber vorher klären als hinterher mit Anwalt versuchen, eine Entlassung rückgängig zu machen.

13. Reservisten und Ukraine-Bezug: Verschärfte Regeln 2026

Reservisten grundsätzlich SÜ-pflichtig (seit 2021)

Seit 2021 müssen auch Reservisten eine Sicherheitsüberprüfung durchlaufen, wenn sie mit Waffen in Berührung kommen — also faktisch fast alle, die aktiven Dienst leisten.

Neue Verfassungstreueprüfung für Reservisten 2026

Das Bundeswehr-Schutz-Gesetz (Inkrafttreten 16. Januar 2026) hat das für Reservisten ohne eigenen SÜ-pflichtigen Dienstposten vereinfacht: Sie durchlaufen die neue unterstützte Verfassungstreueprüfung statt der Soldateneinstellungsüberprüfung. Schneller — aber Social-Media-Check und NADIS-Abfrage sind auch hier drin.

Ukraine-Bezug

Die aktuelle Sicherheitslage — Russlands Krieg gegen die Ukraine, erhöhte Spionage-Aktivität, die Brigade in Litauen — hat die Sicherheitsanforderungen insgesamt erhöht. Reiseanzeigepflichten und Reiseverbote für bestimmte Länder gelten jetzt für alle Soldaten, nicht mehr nur für SÜ-Pflichtige.

Wenn du als Soldat oder Reservist in die Ukraine oder in andere Länder aus der BMI-Risikostaaten-Liste reist, musst du das anzeigen — auch zum Familienbesuch. Wer das ignoriert, riskiert disziplinarische Konsequenzen.

14. FAQ: Die wichtigsten Fragen auf einen Blick

Ja. Jeder, der eine Waffenausbildung erhält, wird überprüft. Das ist de facto jeder Bundeswehrsoldat. Seit 2026 ist das die neue unterstützte Verfassungstreueprüfung für Neueinstellungen, bei sensibleren Dienstposten Ü1 bis Ü3.

Erst ab Ü2. Bei Ü2 und Ü3 werden Ehegatte, Lebenspartner und Lebensgefährte einbezogen — und müssen ausdrücklich zustimmen. Ohne Zustimmung ist die Ü2/Ü3 nicht durchführbar.

Nein. Schulden sind kein automatischer Ausschluss. Entscheidend: Bedienst du deine Verbindlichkeiten? Gibt es ein Insolvenzverfahren? Das Bundesverwaltungsgericht hat in mehreren Urteilen klargestellt: Einzelfallabwägung ist Pflicht.

Ja, aber mit Verstand. Keine Standortdaten aus der Kaserne, keine Aufnahmen aus gesperrten Bereichen, keine verfassungsfeindlichen Inhalte. Deine öffentlichen Profile können bei Ü2/Ü3 und der neuen Verfassungstreueprüfung ausgewertet werden. Die Bundeswehr stellt offizielle Social-Media-Guidelines bereit; zusätzlich gelten dienstliche Vorschriften, Befehle, Sicherheitsbestimmungen und Genehmigungspflichten — insbesondere bei Aufnahmen in militärischen Einrichtungen.

Die neue Verfassungstreueprüfung soll wenige Wochen dauern. Ü1 realistisch 3–6 Monate (bisher), Ü2 3–6 Monate, Ü3 sechs bis neun Monate und mehr. Starte frühzeitig.

Nein. Es kommt auf Art, Schwere und Zeitpunkt an. Die SÜ schaut fünf Jahre zurück. Schwere oder aktuelle Verurteilungen sind sehr wahrscheinlich ein Problem. Bagatelldelikte, die lange zurückliegen, oft nicht.

ELSE (Elektronische Sicherheitserklärung) ist das kostenlose Download-Programm des BAMAD. Du füllst die Sicherheitserklärung digital auf deinem PC aus, speicherst sie als .elseerkl-Datei, und schickst sie verschlüsselt oder gibst sie ausgedruckt beim Karrierecenter ab.

Quellen & Rechtsgrundlagen

Bewerbungs-Checkliste in der Soldatsein-App

Von Bewerbung über Musterung bis zur Einplanung — Checklisten, Fristen, Tipps. Kostenlos, kein Login nötig.

Bereit für den nächsten Schritt?

Du weißt jetzt, was bei der Sicherheitsüberprüfung wirklich läuft. Die soldatsein.app hilft dir durch den restlichen Bewerbungsprozess: Checklisten, Fristen, Versorgungsthemen.

Viel Erfolg bei der Bewerbung — und bei der SÜ.
— Tobi H.

Autor
Stabsunteroffizier a.D., 8 Jahre Heer, Ausbilder Grundausbildung Feldkirchen. Schreibt bei Soldatsein über Bewerbung, Grundausbildung und alles, was Soldaten in den ersten Monaten wirklich wissen müssen.