Von Melanie V. | Kategorie: Eltern | 20. Mai 2026
Es war ein ganz normaler Dienstagabend. Mein Sohn saß am Küchentisch, hatte sich extra Zeit genommen — das hätte mich eigentlich stutzig machen sollen. Er schenkte uns Tee ein, räusperte sich einmal, zweimal, und sagte dann: „Mama, ich fahre in den Einsatz.“
Ich weiß noch genau, wie die Stille danach klang. Mein Mann legte die Zeitung hin. Ich stellte meine Tasse ab, viel zu bedächtig, als wäre die Langsamkeit dieser Bewegung irgendwie hilfreich. Dann fragten wir beide gleichzeitig: „Wann?“ Und: „Wohin?“
Er durfte nicht viel sagen. Das war das erste, was ich lernte: Die Bundeswehr schützt ihre Soldaten auch dadurch, dass bestimmte Informationen nicht nach Hause getragen werden. Wohin er genau geht, wann genau er fährt, was genau er dort tun wird — das blieb vage, bewusst vage.
Was folgte, war eine Mischung aus Stolz, echtem Schrecken und dem Gefühl, nicht genug zu wissen. Ich habe in dieser Nacht gegoogelt. Stundenlang. Und fast nichts gefunden, das für mich als Mutter — nicht als Ehefrau, nicht als Soldatin — wirklich hilfreich war.
Dieser Artikel ist das, was ich damals gebraucht hätte. Alles, was Eltern jetzt wissen müssen. Ohne Panikmache, aber ohne falsche Beruhigungen.
Welche Einsätze gibt es 2026?
Wenn Ihr Kind einen Auslandseinsatz ankündigt, ist die erste Frage meistens: Wo genau? Die Bundeswehr ist Stand 4. Mai 2026 mit 761 Soldatinnen und Soldaten unmittelbar in mandatierten Auslandseinsätzen eingesetzt — so das Bundesministerium der Verteidigung (BMVg). Das ist nicht die Gesamtzahl aller im Ausland stationierten Soldaten, aber die offizielle Zahl für parlamentarisch mandatierte Einsätze.
Hier ein Überblick der aktiven Missionen:
| Einsatz | Region | Deutsche Soldaten (ca.) | Auftrag | AVZ-Stufe |
|---|---|---|---|---|
| KFOR | Kosovo | ~300 (Mandat max. 400) | NATO-Stabilisierungsmission; seit 1999 — 27 Jahre der längste Auslandseinsatz der Bundeswehr | Stufe 3–4 |
| UNIFIL | Libanon (See) | ~100 (Mandat max. 300) | UN-Seesicherheitsmission; Bundeswehr bewacht libanesische Küste | Stufe 4 |
| EUFOR Althea | Bosnien-Herzegowina | bis zu 50 | EU-Mission zur Einhaltung des Dayton-Friedensabkommens | Stufe 2–3 |
| Counter IS / Irak | Irak, Jordanien, Erbil | Kontingent vorhanden | Einsatz gegen den IS; Mandat verlängert Januar 2026 | Stufe 3–4 |
| UNMISS | Südsudan | Kontingent | UN-Friedensmission; Verlängerung 2025/2026 | Stufe 3–4 |
| EU NAVFOR Aspides | Rotes Meer / Mittelmeer | Beteiligung | EU-Marineeinsatz; Verlängerung November 2025 | Stufe 3 |
| Air Policing Baltikum | Estland, Litauen, Lettland | Rotierendes Kontingent | NATO-Luftraumsicherung | Stufe 2 |
| eFP Slowakei | Slowakei | Kontingent | NATO Enhanced Forward Presence | Stufe 1–2 |
Quellen: BMVg Streitkräfte I 8, Stand 4.5.2026, bundeswehr.de Aktuelle Einsätze
Sonderfall Litauen: Versetzung statt Rotation
Ich möchte hier etwas besonders hervorheben, weil es mich anfangs sehr verwirrt hat: Die Panzerbrigade 45 in Litauen ist kein klassischer Auslandseinsatz mit einer Rotation nach sechs Monaten. Es handelt sich um eine dauerhafte Stationierung — die erste dieser Art für die Bundeswehr seit dem Zweiten Weltkrieg.
Die Brigade wurde am 1. April 2025 formell in Vilnius aufgestellt. Stand Mai 2026 sind bereits rund 1.800 deutsche Soldaten dort stationiert; das Ziel sind bis Ende 2027 etwa 4.800 Soldaten und 200 Zivilbeschäftigte. Der Hauptstandort befindet sich in Rūdninkai, ein weiterer Standort ist Rukla.
Was das für Eltern bedeutet: Hat Ihr Kind einen Dienstposten bei der Panzerbrigade 45, handelt es sich um eine Versetzung — nicht um einen zeitlich begrenzten Einsatz. Familien (Ehepartner, Kinder) können und sollen mitziehen; es wird Wohnraum, deutschsprachige Schulen und Kitas aufgebaut. Sie als Eltern werden Ihr Kind für eine längere Zeit deutlich seltener sehen — das ist anders als bei einem klassischen Einsatz, aber es ist nicht das Gleiche.
Weitere Informationen finden Sie auch in unserem Artikel zu Bundeswehr-Standorten und Stationierungen.
Wie lange ist er wirklich weg?
Das war meine dringlichste Frage: Wie lange? Und die ehrliche Antwort lautet — es kommt darauf an.
Für die mandatierten Auslandseinsätze wie KFOR oder UNIFIL gilt als Standard eine Kontingentdauer von vier bis sechs Monaten. Das klingt überschaubar, aber man darf die Vorbereitung nicht vergessen: Vor dem eigentlichen Einsatz liegt eine Einsatzvorbereitungsphase von etwa ein bis zwei Monaten, in der Ihr Kind intensiv ausgebildet und eingewiesen wird. Danach folgt eine mehrwöchige Einsatznachbereitung.
Unterm Strich kann der Einsatzzyklus — von Beginn der Vorbereitung bis zum Ende der Nachbereitung — gut acht bis neun Monate umfassen. Das ist kein Fehler, das ist System.
Den genauen Einsatzbefehl bekommen Eltern in der Regel nicht zu sehen. Mein Sohn hat mir erklärt, dass der Einsatzbefehl alle relevanten Details zur Dauer, zu Reisebeihilfen und zu Urlaubsmöglichkeiten enthält. Bitten Sie Ihr Kind, Ihnen zumindest die groben Zeiträume mitzuteilen — das hilft Ihnen, sich mental einzustellen.
Vor dem Einsatz: Was jetzt geregelt sein muss
Wenn Sie wissen, dass Ihr Kind in den Einsatz geht, gibt es eine Handvoll Dinge, die vor der Abreise geregelt sein sollten. Beim FBZ-Informationsabend, den ich nach dem ersten Einsatz meines Sohnes besuchte, habe ich vieles davon erst im Nachhinein erfahren — und war froh, dass wir zumindest einiges instinktiv richtig gemacht hatten.
Vollmacht und Patientenverfügung
Sprechen Sie mit Ihrem Kind über eine Generalvollmacht — insbesondere wenn Ihr Kind noch keine Partnerin oder keinen Partner hat. Wer darf im Notfall Entscheidungen für das Kind treffen? Wer hat Zugang zu Konten, wenn etwas geregelt werden muss? Das ist kein Defätismus, das ist Fürsorge.
Eine Patientenverfügung sollte Ihr Kind ebenfalls ausgefüllt haben. Das gibt allen Beteiligten — und auch Ihnen — Sicherheit darüber, was im schlimmsten Fall gilt.
FBZ-Registrierung — bitte sofort ansprechen!
Das ist der wichtigste Punkt in dieser Liste: Fragen Sie Ihr Kind, ob es Sie als Angehörige bei der Familienbetreuungsorganisation eingetragen hat. Nur wenn Ihr Kind Sie dort namentlich benannt und eine Einverständniserklärung ausgefüllt hat, kann das Familienbetreuungszentrum (FBZ) aktiv auf Sie zukommen.
Ohne diese Registrierung können Sie das FBZ zwar jederzeit selbst anrufen — sie werden Ihnen helfen —, aber Sie verpassen aktive Einladungen zu Informationsveranstaltungen und den direkten Betreuungskontakt.
Notfallnummern bereithalten
Legen Sie sich folgende Nummern griffbereit hin:
- FBZ in Ihrer Nähe (32 Standorte, kostenlose Hotlines — vollständige Liste weiter unten)
- Sozialdienst der Bundeswehr: +49 2241 152681
- PTBS-Krisenhotline: 0800 588 7957 (24h, kostenlos)
- Truppenteil Ihres Kindes (fragen Sie Ihr Kind nach der Dienststellen-Telefonnummer)
Wenn Sie noch in der Phase sind, bevor Ihr Kind überhaupt einen Entschluss fasst, könnte unser Artikel Was tun, wenn Ihr Kind zur Bundeswehr will für Sie hilfreich sein.
Kontakt halten: Feldpost, Telefon, Video-Call
Ich erinnere mich an den ersten Abend ohne Nachricht. Und an den zweiten. Und wie ich beim dritten schon dabei war, beim Truppenteil anzurufen — bis mein Sohn doch noch kurz schrieb: „Alles gut, hatte keine Zeit.“
Hier ist, was ich inzwischen verstanden habe:
Truppen-WLAN und Internetverbindung
In vielen Camps gibt es Truppen-WLAN, über das Soldaten WhatsApp, Signal oder Video-Calls nutzen können. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Die Verbindung hängt vom Einsatzgebiet, vom Netz und von der aktuellen Lagekonstellation ab. Mein Sohn hat mir erklärt, dass es Phasen gibt, in denen aus Sicherheitsgründen keine oder stark eingeschränkte Kommunikation erlaubt ist — manchmal mehrere Tage am Stück.
Das ist kein Zeichen, dass etwas schiefläuft. Das ist normaler Dienstbetrieb.
Feldpost
Die Feldpost ist in vielen Eltern-Köpfen noch aus alten Filmen — Briefe aus dem Krieg, Wochen auf dem Weg. Und ja, die Laufzeit beträgt je nach Einsatzgebiet zwei bis sechs Wochen. Aber: Die Post kommt tatsächlich an. Die Adresse läuft immer über:
[Dienstgrad Vorname Nachname]
[Einheit/Truppenteil]
über Feldpost
64298 Darmstadt
Pakete bis zu einem bestimmten Gewicht können zu Inlandsportopreisen geschickt werden.
Was Ihr Kind nicht sagen darf
Mein Sohn hat mir offen erklärt, dass er bestimmte Informationen schlicht nicht weitergeben darf: Patrouillenzeiten, genaue Position, Aufträge. Manchmal darf er nicht einmal seinen vollen Namen am Telefon nennen. Das schützt ihn und seine Kameraden — verstehen Sie es als Sicherheitsmaßnahme, nicht als Misstrauen Ihnen gegenüber.
Verdient mein Kind im Einsatz mehr?
Ja — und das ist eine gute Nachricht, die viele Eltern überrascht. Soldaten im Auslandseinsatz erhalten einen Auslandsverwendungszuschlag (AVZ), der steuerfrei ist und täglich ausgezahlt wird. Er soll die besonderen Belastungen und Risiken des Einsatzes kompensieren.
Die Höhe hängt von der sogenannten AVZ-Stufe ab, die das BMVg für jeden Einsatz festlegt — im Einvernehmen mit dem Innen-, Finanz- und Außenministerium. Die Stufen reichen von 1 bis 6:
| Stufe | Belastungsgrad | Tagessatz (netto, steuerfrei) |
|---|---|---|
| 1 | Allgemeine typische Mehrbelastungen | 54 € |
| 2 | Stärker ausgeprägte Belastungen (z.B. eingeschränkte Kommunikation) | 77 € |
| 3 | Besondere Gesundheitsrisiken, hohes Waffenpotenzial in Zivilbevölkerung | 93 € |
| 4 | Hohe Belastungen: bürgerkriegsähnliche Zustände, Terror, Minen | 111 € |
| 5 | Sehr hohe Belastungen: Bürgerkrieg, bewaffnete Aktionen | 131 € |
| 6 | Extreme Belastungen: kriegsähnlich, direkter Beschuss | 153 € |
Quelle: AuslVZV §3, Stand 6. März 2025
Ein Beispiel: Ein Einsatz auf Stufe 3 über 180 Tage (sechs Monate) ergibt 16.740 € netto zusätzlich zum normalen Gehalt. Das wird nicht beantragt — es läuft automatisch. Zu Beginn des Einsatzes werden 15 Tagessätze als Vorschuss ausgezahlt.
Wichtig zu wissen: Während Heimaturlaub (wenn Ihr Kind tatsächlich aus dem Einsatzgebiet herausreist) pausiert der AVZ. Außerdem ist der AVZ unabhängig vom Dienstgrad — ein Gefreiter bekommt denselben Tagessatz wie ein Hauptmann.
Wenn Sie sich fragen, wie das normale Grundgehalt Ihres Kindes aussieht: Dazu haben wir einen separaten Artikel, der die Besoldungsstruktur erklärt: Bundeswehr Gehalt — was verdient mein Kind wirklich?
Für die finanzielle Planung rund um den Einsatz empfehlen wir auch den Finanzbereich der soldatsein-App: soldatsein.app/#/finanzen — dort finden Sie Werkzeuge, die die Einsatzvergütung in eine langfristige Familienplanung einordnen.
Heimaturlaub: Wann darf er nach Hause?
Das ist eine der Fragen, auf die ich keine präzise Antwort bekam — und ich verstehe heute warum: Es gibt keine präzise Antwort.
Was ich beim FBZ-Vortrag erfuhr: Soldaten im Einsatz haben alle zwei Monate Anspruch auf eine Reisebeihilfe für die Heimfahrt — sprich, die Kosten für den Rückflug (günstigste Buchungsklasse, kürzester Weg) werden erstattet. Das ist aber kein Rechtsanspruch auf Urlaub zu einem bestimmten Datum. Ob und wann tatsächlich Heimaturlaub gewährt wird, regelt der Einsatzbefehl — und am Ende entscheiden auch die Dienstlage und die Vorgesetzten mit.
Sonderurlaub bei schwerwiegenden Ereignissen — Geburt eines Kindes, Todesfall in der Familie, schwere Erkrankung — ist grundsätzlich möglich. Aber auch hier gilt: Es ist eine Einzelfallentscheidung, kein automatischer Rechtsanspruch auf einen bestimmten Rückreisetag. Die Koordination läuft über den Truppenteil.
Mein Sohn hat mir erklärt, dass man als Soldat lernt, mit dieser Ungewissheit zu leben. Für uns als Eltern war das schwieriger — aber es hilft, das von Anfang an zu wissen, statt damit zu rechnen, dass ein bestimmtes Datum eingehalten wird.
Familienbetreuungszentren: Ihr wichtigster Ansprechpartner
Das FBZ — das Familienbetreuungszentrum — ist die Institution, von der ich mir wünsche, dass sie jede Familie kennt, bevor der erste Einsatz beginnt.
Es gibt 32 hauptamtliche FBZ-Standorte in ganz Deutschland, dazu rund 50 nebenamtliche Familienbetreuungsstellen. Die Hotlines sind kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Was mich überraschte: Das FBZ ist nicht nur für Ehepartner da. Es ist ausdrücklich auch für Eltern gedacht.
Was das FBZ bietet
- Informationsveranstaltungen vor und während des Einsatzes
- Vernetzung mit anderen Familienangehörigen in ähnlicher Situation
- Vermittlung zu Sozialdienst, Militärseelsorge und psychologischer Beratung
- Aktive Kontaktaufnahme zur Familie während des Einsatzes
- Unterstützung im Notfall (Verletzung, Todesfall)
So bekommen Sie Zugang zur aktiven Betreuung
Damit das FBZ Sie aktiv kontaktieren und zu Veranstaltungen einladen kann, muss Ihr Kind Sie als Angehörige benennen und eine schriftliche Einverständniserklärung ausfüllen. Bitte sprechen Sie das vor dem Einsatz an — am besten sofort nach der Einsatzmeldung.
FBZ-Standorte (Auswahl)
| Ort | Adresse | Hotline (kostenlos) |
|---|---|---|
| Augustdorf | Augustdorfer Allee 201, 32832 Augustdorf | 0800 100-4686 |
| Berlin | Kurt-Schumacher-Damm 41, 13405 Berlin | 0800 100-6745 |
| Hannover | Hans-Böckler-Allee 18, 30173 Hannover | 0800 100-6243 |
| Kiel | Parkstraße 2, 24106 Kiel | 0800 101-4071 |
| München | Ingolstädter Straße 240, 80939 München | 0800 100-3079 |
| Veitshöchheim | Oberdürrbacher Str. 1, 97209 Veitshöchheim | 0800 100-6715 |
| Wiesbaden | Moltkering 9, 65189 Wiesbaden | 0800 000-5288 |
| Wilhelmshaven | Opdenhoffstraße 24, 26384 Wilhelmshaven | 0800 101-0866 |
| Lüneburg | Bleckeder Landstraße 59, 21337 Lüneburg | 0800 100-5496 |
| Saarlouis | Wallerfanger Str. 31, 66740 Saarlouis | 0800 000-2142 |
Die vollständige Liste aller 32 FBZ-Standorte finden Sie in der Familienbetreuungsbroschüre der Bundeswehr (PDF).
Wenn er verletzt wird: Absicherung und Rechte
Ich schreibe diesen Abschnitt, weil ich weiß, dass er für viele der schwerste zum Lesen ist. Die Angst, dass das Kind verletzt heimkommt — oder schlimmer —, ist real und berechtigt. Also lassen Sie mich ehrlich sein, was passiert und was Ihr Kind absichert.
Sofortige Information der Familie
Wenn Ihr Kind im Einsatz verletzt wird, werden Sie sofort durch einen Vertreter des Truppenteils, den Sozialdienst und die Militärseelsorge informiert. Das geschieht persönlich — nicht per SMS. Das Bundeswehr-System sieht diese Benachrichtigungskette verpflichtend vor.
Das Einsatzweiterverwendungsgesetz (EinsatzWVG)
Das ist das Gesetz, das Soldaten absichert, wenn sie durch den Einsatz dauerhaft gesundheitlich beeinträchtigt werden. Ich habe gelernt, dass es 2007 in Kraft trat und zuletzt im März 2025 durch das sogenannte Artikelgesetz Zeitenwende aktualisiert wurde.
Was es regelt:
- Kein Rauswurf aus dem Dienst wegen Einsatzschädigung. Auch wenn die reguläre Dienstzeit ausläuft, bleibt der Soldat in einem Wehrdienstverhältnis besonderer Art (WbA), bis er vollständig rehabilitiert ist.
- Bei einem Grad der Schädigungsfolgen (GdS) von 30 % oder mehr durch einen Einsatzunfall: Anspruch auf dauerhafte Weiterverwendung, militärisch oder zivil.
- Bei einem GdS von 50 % oder mehr: einmalige steuerfreie Entschädigung von 150.000 €.
- Im Todesfall: Wenn keine Witwe und keine Kinder vorhanden sind, erhalten Eltern 40.000 € als Hinterbliebenenleistung.
Anlaufstelle für alle Fragen zum EinsatzWVG ist die ZALK (Zentrale Ansprech-, Leit- und Koordinierungsstelle für Einsatzfolgen) beim Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr: +49 2241 15 3368.
Quelle: EinsatzWVG §6, BMVg Evaluierungsbericht EinsatzWVG 2025
Rückkehr aus dem Einsatz: PTBS erkennen und Re-Integration
Mein Sohn kam nach seinem ersten Einsatz zurück — und war irgendwie nicht ganz da. Er lachte weniger. Er reagierte auf Kleinigkeiten gereizt. Er wollte nicht über den Einsatz reden, wollte überhaupt nicht viel reden.
Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass das kein schlechtes Zeichen über unsere Beziehung war. Es ist eine bekannte Reaktion auf den Einsatz — und manchmal der Beginn von etwas, das ernstgenommen werden muss.
Was PTBS ist — und was es nicht ist
Eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist keine Schwäche und kein Versagen. Es ist eine Verletzung der Seele, die entsteht, wenn das Gehirn Extremerfahrungen nicht verarbeiten kann. Laut einer Studie der HAW Hamburg haben Soldaten mit Auslandseinsatz ein sechs- bis zehnfach erhöhtes Risiko für PTBS gegenüber der Normalbevölkerung. Von allen aktiven Schutzzeiten nach dem EinsatzWVG (Stand 2024) entfallen 82 % auf psychische Erkrankungen, primär PTBS.
Zeichen, die Eltern bemerken
- Sozialer Rückzug, Kontaktvermeidung
- Gereiztheit, schnelle Stimmungswechsel
- Schlafstörungen, Alpträume
- Emotionale Taubheit, Interessenverlust
- Vermeidungsverhalten (bestimmte Orte, Geräusche, Situationen)
- Flashbacks (Wiedererleben von Einsatzsituationen)
Quelle: BR24, April 2025, bundeswehr.de PTBS
Was Sie als Eltern tun — und lassen — sollten
Nicht tun:
- Drängen: „Erzähl mir, was da passiert ist.“ Druck verstärkt den Rückzug.
- Kleinreden: „Das wird schon wieder.“ Das nimmt die Erfahrung nicht ernst.
- Vergleichen: „Früher haben Soldaten das auch durchgemacht.“ Das hilft nicht.
Tun:
- Da sein, ohne zu fordern: „Ich bin da, wenn du reden willst.“
- Zeichen ernst nehmen und nicht monatelang warten.
- Die PTBS-Hotline anrufen — sie ist auch für Angehörige: 0800 588 7957 (24h, kostenlos, anonym).
- Den Verein Angriff auf die Seele e.V. kontaktieren: Er bietet psychosoziale Hilfe für Angehörige, auch per anonymem Mail-Austausch mit Fachleuten: angriff-auf-die-seele.de.
Re-Integration: Die Faustregel
Beim FBZ-Vortrag habe ich eine Faustregel gehört, die mich lange beschäftigt hat: Die Familie braucht in der Regel etwa genauso lang zur Re-Integration, wie der Einsatz gedauert hat. Ein sechsmonatiger Einsatz bedeutet: Rechnen Sie mit einem halben Jahr, bis wieder eine neue Normalität eingekehrt ist.
Die Bundeswehr unterstützt Soldaten intern mit einem Einsatznachbereitungsseminar, einer Rückkehreruntersuchung und einer optionalen Präventivkur. Aber das reicht nicht immer aus — und als Elternteil spielen Sie eine wichtige Rolle in diesem Prozess, auch wenn Sie keine Therapeutin sind.
Mehr zum Thema PTBS aus Elternperspektive lesen Sie in unserem Artikel Mentale Gesundheit und Bundeswehr — Was Eltern wissen sollten.
Wie Sie sich als Eltern selbst stabilisieren
Das ist der Abschnitt, den ich damals am wenigsten erwartet hätte zu brauchen — und der am Ende der wichtigste war.
Eltern sind im Bundeswehr-System oft die unsichtbaren Angehörigen. Das ändert sich gerade langsam, und zwar weil es Institutionen wie das FBZ gibt, die ausdrücklich auch Eltern einschließen. Aber die mentale Arbeit des Wartens, des Nicht-Bescheidwissens, des Antennenausfahrens bei jedem Nachrichtenblitz über eine Region, in der das eigene Kind sein könnte — diese Arbeit erledigen Sie, oft still, oft allein.
Einige Dinge, die mir geholfen haben:
Austausch suchen: Das FBZ vernetzt Sie mit anderen Familien in ähnlicher Situation. Auch einsatzkiste.de ist eine Plattform von Angehörigen für Angehörige — nicht immer für Eltern spezifisch, aber sehr praxisnah.
Routinen halten: Klingt banal, hilft wirklich. Sorgen Sie dafür, dass das Leben weiterläuft — nicht weil der Einsatz unwichtig ist, sondern weil Stabilität die beste Basis für das Wiedersehen ist.
Informiert bleiben, aber dosiert: Es hilft, die Grundlagen zu kennen (dieser Artikel ist ein Anfang). Es hilft nicht, täglich Nachrichtenseiten nach dem Namen des Einsatzgebiets zu durchsuchen.
Professionelle Unterstützung ist kein Aufgeben: Wenn Sie das Gefühl haben, die Angst übersteigt Ihre Kapazitäten — rufen Sie an. Beim FBZ, beim Sozialdienst, bei der PTBS-Hotline. Diese Angebote existieren für Sie.
Wenn Ihr Kind sich noch in der Anfangsphase seiner Bundeswehr-Laufbahn befindet, lesen Sie auch unsere Artikel zur Grundausbildung aus Elternperspektive — viele der Themen sind ähnlich.
FAQ: Die häufigsten Fragen von Bundeswehr-Eltern
Klassische mandatierte Auslandseinsätze (wie KFOR oder UNIFIL) dauern in der Regel vier bis sechs Monate. Dazu kommt eine Einsatzvorbereitungsphase von ein bis zwei Monaten und eine mehrwöchige Nachbereitung. Der Sonderfall Litauen (Panzerbrigade 45) ist eine dauerhafte mehrjährige Stationierung, keine zeitlich begrenzte Rotation.
Es gibt kein verbrieftes Recht auf tägliche Kommunikation. In vielen Camps ist über Truppen-WLAN Kontakt per WhatsApp oder Video-Call möglich — aber die Lage, der Schichtdienst und Sicherheitsvorgaben können das einschränken. Mehrere Tage ohne Nachricht sind kein Alarmzeichen, sondern normaler Einsatzalltag.
Ja. Der Auslandsverwendungszuschlag (AVZ) ist steuerfrei und beträgt je nach Einsatzstufe zwischen 54 € (Stufe 1) und 153 € (Stufe 6) pro Tag. Er wird automatisch ausgezahlt, kein Antrag erforderlich. Bei einem sechsmonatigen Einsatz auf Stufe 3 sind das rund 16.740 € netto zusätzlich zum Grundgehalt.
Ja — ausdrücklich. Das FBZ ist nicht nur für Ehepartner. Voraussetzung für aktive Betreuung: Ihr Kind muss Sie als Angehörige benannt und eine Einverständniserklärung ausgefüllt haben. Ohne diese Registrierung können Sie dennoch jederzeit bei einem FBZ anrufen und werden beraten.
Alle zwei Monate besteht Anspruch auf Reisebeihilfe für einen Heimflug. Ob und wann tatsächlich Urlaub gewährt wird, regelt der Einsatzbefehl — es gibt keinen automatischen Rechtsanspruch auf Urlaub zu einem bestimmten Datum. Bei zwingenden Familienereignissen (Geburt, Todesfall) ist Sonderurlaub möglich, aber eine Einzelfallentscheidung.
Die Familie wird sofort durch Truppenteilvertreter, Sozialdienst und Militärseelsorge persönlich informiert. Bei dauerhafter Gesundheitsschädigung mit einem Grad der Schädigungsfolgen von 30 % oder mehr greift das Einsatzweiterverwendungsgesetz (EinsatzWVG): Der Soldat verbleibt im Dienst, auch wenn seine reguläre Dienstzeit endet. Ab 50 % GdS gibt es eine einmalige steuerfreie Entschädigung von 150.000 €.
Quellen und Rechtsgrundlagen
- Bundeswehr — Einsatzzahlen Stand 4. Mai 2026
- Bundeswehr — Aktuelle Einsätze
- Bundeswehr — Familie und Dienst
- Bundeswehr — AVZ-Broschüre (PDF)
- Bundeswehr — Familienbetreuungsorganisation (PDF)
- Bundeswehr — Wie bleiben wir in Kontakt
- Bundeswehr — Feldpost
- Bundeswehr — PTBS: Hilfe für Ehemalige und Reservisten
- Bundeswehr — Panzerbrigade 45 Litauen FAQ
- Bundeswehr — Ratgeber „Auslandseinsatz — Dein, Mein, Unser Einsatz“
- AuslVZV — Auslandsverwendungszuschlagsverordnung, Stand 6. März 2025
- buzer.de — AVZ-Stufen §3 AuslVZV
- EinsatzWVG §6
- SUV — Soldatenurlaubsverordnung
- BMVg — Evaluierungsbericht EinsatzWVG 2025 (PDF)
- Bundesregierung — Bundeswehr-Mandat Irak verlängert, Januar 2026
- BMVg — Schirmherrschaft Familienbetreuung, Juli 2024
- BR24 — PTBS bei Soldaten: Wie die Bundeswehr hilft, April 2025
- Tagesschau — Bundeswehr-Mandate Kosovo und Libanon verlängert
- Tagesschau — Bundeswehr Litauen 2027 einsatzfähig
- Wikipedia — 45th Panzer Brigade (Bundeswehr))
- einsatzkiste.de — Vorbereitet sein
- einsatzkiste.de — Mit wem kann ich reden
- Angriff auf die Seele e.V.
- Angriff auf die Seele — EinsatzWVG erklärt
- Ethik und Militär — Soldatenleben (Dr. Peter Wendl)
Dieser Artikel wurde nach bestem Wissen und Gewissen auf Basis öffentlich zugänglicher Quellen und eigener Erfahrungen als Bundeswehr-Mutter erstellt. Er ersetzt keine Rechtsberatung. Für aktuelle Fragen zu Ihrem spezifischen Fall wenden Sie sich an das Familienbetreuungszentrum in Ihrer Nähe.
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